Wiener Neudrucke

Nach dem Vorbild von Bernhard Seufferts Neudruckreihe Deutsche Litteraturdenkmale (DLD) konzipierte Sauer die Publikationsreihe der Wiener Neudrucke (WND), die zwischen 1883 und 1886 erschien.

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Korrespondenz Zitat Kommentar
Karte von Bernhard Seuffert an August Sauer in Wien am 10. April 1882. Montag Zitat BS

Umgehend beantworte ich Ihre fragen dahin, dass ich kaum schon im nächsten jahre etwas österr. in meinen DLD bringen werde, es müsste denn sein, dass Sie durch Ihre genauere kenntnis dieses mir schwer zugänglichen gebietes mir ein dringend des neudrucks wertes werk nachweisen. Später aber kommen sicher auch Austriaca u. es wäre mir offen gestanden sehr fatal und würde meine verleger in verzweiflung setzen, wenn Sie wie ich zwischen Ihren zeilen zu lesen glaube, ein eigenes österr. unternehmen der art gründen wollten.

August Sauer erkundigte sich, ob in der von Bernhard Seuffert herausgegebenen Neudruckreihe Deutsche Litteraturdenkmale (DLD) auch österreichische Texte erscheinen würden. Hintergrund von Sauers Anfrage war die geplante Reihe Wiener Neudrucke, in der Sauer Texte der österreichischen Literaturgeschichte des 16. bis 19. Jahrhunderts publizierte.

Brief von August Sauer an Bernhard Seuffert in Würzburg am 30. Juni 1882. Freitag Zitat AS

Was nun unsere österreich. Neudrucke anlangt, so bin ich mit dem Verleger übereingekommen, es zunächst mit 3 Heftchen zu wagen. [...] Ob nun die Unternehmung Bestand hat, ob der Verleger verstehen wird, die Heftchen zu vertreiben, wird sich ze[ig]en. Ihre Verleger wird das ganze nicht touchiren.

Der erste Band der WND erschien 1883 im Wiener Verlag Carl Konegen. Von 1883 bis 1886 kamen insgesamt 11 Hefte heraus.

Brief von Bernhard Seuffert an August Sauer in Lemberg am 27. Januar 1883. Samstag Zitat BS

Vielen dank für die WND! Dass Sie gleich mit 3 stücken auf dem schauplatze erscheinen, ist gewiss vorteilhaft. Auch ist die wahl gewiss gelungen. Ich freue mich dieses unternehmens jetzt sehr, denn es hat entschiedene familienähnlichkeit mit meinen DLD. Schon darum muss es mir gefallen. Wir sehen uns ähnlicher als dem grosspapa Braune. [...] Ich wünsche Ihnen von herzen gute aufnahme der WND. Man redigiert viel freudiger, wenns gut geht im laden u. in der kritik. An beidem kanns bei Ihnen nicht fehlen. Die Österr. kaufen mehr bücher als die Deutschen und der kritik werden Sie keine wunde stelle zeigen.

Bevor August Sauer und Bernhard Seuffert ihre Projekte zu Neudrucken begannen, hatte Wilhelm Braune schon 1876 die erste neugermanistische Neudruckreihe mit den Neudrucken deutscher Literaturwerke des XVI. und XVII. Jahrhunderts im Verlag von Max Niemeyer (Halle/S.) begründet. Bis 1957 erschienen in der Reihe unter wechselnden Herausgebern 325 Nummern.

Karte von August Sauer an Bernhard Seuffert in Würzburg am 30. Januar 1883. Dienstag Zitat AS

Die ersten 4 Hefte mache ich allein; später ist mir Theilnahme sehr willkommen. [...] Wollten auch Sie einmal ein Gegenheft bei mir machen: So wäre das sehr hübsch.

August Sauer erkundigte sich, ob Seuffert auch einen Band bei den WND herausgeben möchte.

Brief von Bernhard Seuffert an August Sauer in Lemberg am 4. Februar 1883. Sonntag Zitat BS

Dass Sie an meine neugierige frage, ob Sie allein alle hefte der WND herausgeben wollen, eine einladung zur mitarbeit, an mich gerichtet, knüpfen, schlage ich zwar hoch an und danke bestens dafür. Aber Sie dürfen nicht glauben, dass ich jene antwort durch meine frage hätte herausfordern wollen: eine solche unterstellung verbietet sich schon dadurch, dass ich Ihrer einladung nicht folgen darf, weil ich kontraktlich gebunden bin, an keinem meinen DLD ähnlichen unternehmen teil zu nehmen. Wer hätte gedacht, als ich jenen kontrakt unterschrieb, dass ‚ähnliche‘ sammlungen sich mehrfach einstellen würden! Aber nun rächt sich dieser mangel an voraussicht und ich muss Ihnen weigern, was zu bieten ich stolz wäre.

Seuffert bedauerte, dass er durch den Vertrag mit dem Heilbronner Verlag Gebrüder Henninger, wo seine eigene Neudruckreihe DLD erschien, gebunden war.

Karte von Bernhard Seuffert an August Sauer in Lemberg am 11. Juni 1883. Montag Zitat BS

Dass die WND nicht gleich florieren, sollte Ihren verleger nicht kopfscheu machen. Ich weiss allerdings auch nicht, wie lange sich meine Henninger den luxus erlauben; denn ein luxus ists neudrucken vom standpunkte eines verlegers.

Sauer befürchtete, dass der Verlag Carl Konegen seine Neudruckreihe bald einstellen werde.
 

Karte von August Sauer an Bernhard Seuffert in Würzburg am 26. Juni 1883. Dienstag Zitat AS

Sie dürfen nicht vergeßen, daß ich als Redacteur ein Anfänger bin; auch war die Druckerei leider nicht so geschult wie die Ihre; nur daß mir gerade von Ihnen ein ‚handwerksmäßiges‘ Vergehen vorgeworfen wird, hat mich geschmerzt;

In einer insgesamt wohlwollenden Rezension der ersten Hefte der WND hatte Bernhard Seuffert moniert, dass die Neudrucke zu stark typographische Eigenwilligkeiten der Vorlagen übernehmen, was er anhand zahlreicher Beispiele verdeutlichte. Sauer bedankte sich für die Rezension, zeigte sich aber auch über das Urteil Seufferts gekränkt.

Brief von Bernhard Seuffert an August Sauer in Lemberg am 29. Juni 1883. Freitag Zitat BS

Wenn Sie den umfang der Littnotiz über die Wiener neudrucke betrachten, der doch gewiss für diese stelle ein ganz abnormer ist, so mussten Sie schon daraus ersehen, dass mir die empfehlung Ihrer sammlung am herzen lag. [...] Ich bitte also das misverständnis auszustreichen und unser verhältnis in der alten weise fortzuführen.

Seuffert rechtfertigte sich und versuchte das Missverständnis, das seine Rezension der WND hervorgerufen hatte, zu beseitigen.

Brief von August Sauer an Bernhard Seuffert in Würzburg am 1. August 1883. Mittwoch Zitat AS

Daß unsere Neudrucksammlungen nicht gut gehen, begreife ich aufrichtig gesagt nicht. Zuerst schreit alles, wir armen Provinzler, wir armen Studenten, wir armen Lehrer können nichts arbeiten, haben kein Material! u. s. w. Nun schafft man’s ihnen u. es wird ignorirt.

August Sauer wunderte sich über die Absatzschwierigkeiten der Neudrucke.

Brief von August Sauer an Bernhard Seuffert in Würzburg am 16. Mai 1884. Freitag Zitat AS

Zum Schluße fällt mir ein, daß ich Ihnen weder zu den prächtigen Bden der Schlegelschen Vorlesungen  gratulirt, noch über das selige Ende meiner Wiener Neudrucke Nachricht gegeben habe. Sie sind am Samstag vor Ostern in eine bessere Welt hinüber gegangen. Zwar wurden während ich in Wien war Wiederbelebungs-Versuche angstellt, bis jetzt ohne Erfolg.

Trotz des schleppenden Absatzes, den Sauer wiederholt beklagte, wurden die WND erst 1886 mit dem 11. Heft eingestellt.

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