Wielandforschung

Bernhard Seuffert beschäftigte sich bereits am Anfang seiner wissenschaftlichen Laufbahn mit Christoph Martin Wieland. 1878 widmete er Wielands satirischem Roman Die Abderiten. Eine sehr wahrscheinliche Geschichte eine erste ausführliche Untersuchung, was den Beginn seiner umfangreichen Forschungen zu Wieland markiert.

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Korrespondenz Zitat Kommentar
Karte von August Sauer an Bernhard Seuffert in Würzburg am 6. März 1882. Montag Zitat AS

Ihre Einleitung mit den Wieland-Parallelen ist sehr hübsch. Dieselbe macht uns auf das Erscheinen Ihrer W.-Biographie nur noch mehr gespannt.

Seuffert forschte 1881 in deutschen und schweizerischen Archiven und Bibliotheken nach Briefen und Handschriften von Christoph Martin Wieland. Ziel war die Publikation einer Wieland-Biografie, über die er mit dem Verlag Rütten & Loening (Frankfurt/M.) einen Vertrag abgeschlossen hatte. Sauer lobte Seufferts 1882 verfasste "Einleitung zu Goethes Faustfragment" (DLD 5), in der Seuffert auf Parallelstellen zwischen Goethes Text und einem Werk Wielands hingewiesen hatte.

Karte von Bernhard Seuffert an August Sauer in Lemberg am 11. März 1882. Samstag Zitat BS

Ich beziehe jetzt alles auf den Wieland, aber das buch über ihn ist noch lange nicht fertig, obwol ich mich aller allotria entschlage. Zudem fliessen fortwährend noch neue quellen – hss u. briefe – zu.

Seuffert schloss die geplante Wielandbiographie niemals ab. Seine über Jahrzehnte fortgesetzten Quellenstudien bildeten jedoch die Grundlage für die spätere Ausgabe von C.M. Wielands Gesammelten Schriften.

Karte von August Sauer an Bernhard Seuffert in Würzburg am 25. Juni 1883. Montag Zitat AS

Währ[e]nd ich nemlich in diesen Tagen den Umschlag zu den ersten Heften unse[re]r ‚Beiträge zur Geschichte der deutsch Lit. u. d. geistigen Lebens in Oest‘ redigirte, fiel es mir ein, daß Sie früher Werner u. später auch mir versprochen haben, bei Gelegenheit ein Heft ‚Wielands Einfluß auf die deutsch-öst. Lit‘ oder wie Sie es dann betiteln wollen, für diese Sammlung zu spenden.

Für die Publikationsreihe Beiträge zur Geschichte der deutschen Litteratur und des geistigen Lebens in Österreich, die August Sauer 1883/1884 gemeinsam mit Richard Maria Werner und Jakob Minor herausgab, war eine Studie über den Einfluss Wielands in Österreich geplant. Seuffert sagte den Beitrag jedoch ab, da er befürchtete, mit einer weiteren Publikation gegen den Vertrag zu verstoßen, den er über die Wielandbiographie abgeschlossen hatte.

Brief von August Sauer an Bernhard Seuffert in Würzburg am 20. März 1885. Freitag Zitat AS

Sie sollten sich Wieland nicht entgehen lassen. [...] Es ist doch eine unabweisliche Aufgabe unserer Wissenschaft, die bedeutendsten Classiker abschließend herauszugeben. Wären wir ein reiches Volk wie Engl. & Franz., so wäre es wol schon längst geschehen.

Sauer empfahl Seuffert, das Projekt einer historisch-kritischen Wielandausgabe in Angriff zu nehmen. Seuffert hatte diese Möglichkeit in den vergangenen Jahren im Zusammenhang mit der von ihm geplanten Biografie C.M. Wielands sondiert und sich darüber wiederholt mit Wilhelm Scherer ausgetauscht. Das Projekt wurde jedoch erst ab 1903 unter Leitung Seufferts und auf Grundlage seiner jahrzehntelangen Materialsammlungen von der Berliner Akademie der Wissenschaften in Angriff genommen.

Brief von Bernhard Seuffert an August Sauer in Prag am 21. Juni 1886. Montag Zitat BS

Hüben steht der Wieland, drüben Goethe; hüben darstellung drüben textkritik; hüben beifall oder blamage, drüben eine stille tätigkeit; hüben eine individuelle vorliebe, drüben die beteiligung an einem monumentalen werke; hüben wenig pekuniärer gewinn, drüben eine kleine aber sichere einnahme. Was fällt schwerer in die wagschale?

Durch seine Mitarbeit an der Weimarer Goetheausgabe befürchtete Seuffert, keine Zeit mehr für seine eigene Forschung zu C.M. Wieland zu haben.

Brief von August Sauer an Bernhard Seuffert in Graz am 3. November 1887. Donnerstag Zitat AS

Das einzige, was dabei bedauernswert ist: daß der Wieland in weitere Fernen rückt. Könnte vielleicht dadurch ausgeglichen werden, daß gerade die Zs. ein Ort wäre, um Ihren Wielandstudien zur Herberge zu dienen. Bringen Sie der Wissenschaft und Ihren Freunden dieses Opfer.

August Sauer freute sich über die geplante Vierteljahrschrift für Litteraturgeschichte, ermahnte Seuffert aber, sein Hauptforschungsgebiet C.M. Wieland nicht zu verlassen und die Zeitschrift auch zur Publikation eigener Studien zu nutzen.

Karte von Bernhard Seuffert an August Sauer in Prag am 14. Oktober 1888. Sonntag Zitat BS

Ich bin froh wie ein kind, dass ich wieder einen Wielandartikel geboren habe – ja so, da müsst ich sagen, wie eine mutter.

In Seufferts Artikel Wielands Berufung nach Weimar waren etliche bisher ungedruckte Quellen aus Wielands Nachlass sowie aus dem Großherzoglich Weimarischen Hausarchiv eingeflossen, dessen Bestände Seuffert nur mit besonderer Genehmigung und unter strengen Auflagen benutzen durfte.

Brief von August Sauer an Bernhard Seuffert in Graz am 22. Dezember 1888. Samstag Zitat AS

Die Entstehungsgeschichte Ihres Opusculums hat mich gerade unter diesen Umständen sehr interessirt. Aber, verzeihen Sie mirs, Sie dürfen nicht alles so schwer nehmen; sonst führt Sie Ihre Wielandforschung ins Unendliche. Freilich die Goetheaner haben es leicht, die dürfen alles mit Haut und Haar drucken lassen und d[as] will ich Ihnen nicht als Gesetz aufstellen. Wenn Sie aber bei der Masse Ihres Materials weiterhin bei jedem Wort so subtil erwägen, ob es druckenswert sei oder nicht, werden Sie niemals fertig.

Nach den Erläuterungen Seufferts über die Entstehung seines Aufsatzes Wielands Berufung nach Weimar ermahnte Sauer ihn, seine Forschung stärker einzugrenzen, um das Biographie-Projekt zu C.M. Wieland wirklich abschließen zu können.

Karte von Bernhard Seuffert an August Sauer in Prag am 14. Mai 1889. Dienstag Zitat AS

Also: Ich schickte Ehlermann den Goedekenachlass zu Wieland zurück u. lehnte die arbeit ab. Eine „wesentlich erweiterte“ biogr. wie er sie nun verlange, könne ich um 50 M. pro bogen nicht liefern, das honorar sei zu gering, um überhaupt ein gegengebot darauf zu machen.

Seuffert hatte sich bereit erklärt, für die zweite Auflage von Karl Goedekes Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung den Abschnitt über C.M. Wieland neu zu bearbeiten. Da er das vom Verleger E. Ehlermann angebotene Bogenhonorar von 50 Mark für zu niedrig hielt, zog er seine Zusage im Mai 1889 zurück.

Karte von Bernhard Seuffert an August Sauer in Prag am 8. Oktober 1889. Dienstag Zitat BS

Ich muss nun doch den Wieland für Goedeke machen, Ehlermann u. Goetze liessen mich nicht mehr aus. Ich setze 3–4 monate daran.

Ende 1890 trat Seuffert infolge von Arbeitsüberlastung endgültig von der Mitarbeit an Goedekes Grundriß zurück. Der Beitrag über Wieland wurde von Franz Muncker (Einleitung) und Edmund Goetze (Bibliographie) übernommen.

Brief von August Sauer an Bernhard Seuffert in Graz am (25. oder 26. Januar 1890. Samstag oder Sonntag) Zitat AS

Glauben Sie mir, daß ich oft bei meinem Grillparzer an Ihren Wieland denke und mir sage: es wäre Jammerschad !, [we]nn Sie Ihre sicherlich einzig dastehende Kenntnis dieses Mannes nur zu Einzelstudien oder Briefpublicationen verwerteten; Sie müßen uns den ganzen Mann schildern und bleibt irgendwo eine Lücke: wo ist eine solche nicht?

Sauer hoffte, seine umfangreichen Forschungen zu Grillparzer nicht nur in kleinen Artikeln zu verwerten und wünschte Seuffert dasselbe für Wieland.

Brief von Bernhard Seuffert an August Sauer in Prag am 14. Februar 1897. Sonntag Zitat BS

Hätten Sie nicht so viele Wielandiana von mir, so würde ich Ihnen noch etwas schicken: die quelle des Hymnus an die sonne. Aber ich mute Ihnen das nicht zu.

Seuffert veröffentlichte zahlreiche Artikel über Wieland in literaturgeschichtlichen Zeitschriften. Der Beitrag Wielands Hymne auf die Sonne erschien im fünften Heft von Sauers Zeitschrift Euphorion.

Brief von August Sauer an Bernhard Seuffert in Graz am 5. September 1903. Samstag Zitat AS

Schmidt schrieb mir, dass die Ak. das Geld für die Wielandausgabe bewilligt habe. Seit Jahren habe ich mich über nichts so gefreut wie über diese Nachricht. Nun erreichen Sie [Ihr] Lebensziel und in so ehrenvoller Weise. Ich wünsche Ihnen umso herzlicher Glück dazu, als meine Hoffnungen auf die Grillparzerausgabe stark gefallen sind.

Sauer beglückwünschte Seuffert zur Bewilligung der historisch-kritischen Wielandausgabe, während seine eigenen Hoffnungen auf eine historisch-kritische Grillparzerausgabe schwanden.

Brief von Bernhard Seuffert an August Sauer in Prag am 15. September 1903. Dienstag Zitat BS

Ich freue mich, dass ein Wieland kommt; ich bange aber auch vor der leistung, die man von mir zu erwarten und zu fordern berechtigt ist. Wie und mit wem werd ich es tragen können?

Seuffert hatte Respekt vor der Erarbeitung einer historisch-kritischen Wielandausgabe. Auf Auftrag der Preußischen Akademie der Wissenschaften bereitete er in seinen Prolegomena zu einer Wieland-Ausgabe (9 Tle. Berlin: Weidmann; de Gruyter, 1904–1941) die spätere Ausgabe von Wielands Gesammelten Schriften vor. Die Prolegomena enthalten umfangreiche Beschreibungen der Werke und Verzeichnisse der Briefe Wielands sowie Überlegungen zu ihrer Edition.

Brief von August Sauer an Bernhard Seuffert in Graz am 17. September 1903. Donnerstag Zitat AS

Wenn die Wielandausgabe zu Stande kommt, so ist das das grösste Glück Ihres Lebens. Sie haben noch viel mehr einen Mittelpunkt als bisher, Sie sind dafür gerüstet und Sie haben Aussicht, eine wirklich bedeutende Leistung in die Welt zu setzen[.]

Sauer beglückwünschte Seuffert nochmals zur Wielandausgabe und spendete seinem Freund motivierende Worte.

Karte von Bernhard Seuffert an August Sauer in Wien am 2. Oktober 1903. Freitag Zitat BS

Wir sind völlig Ihrer meinung, dass die jugend dazu einzuspannen ist. […] Für Ihre bereitwilligkeit mitzutun dank ich herzlich; sie ehrt u. freut mich. Womöglich verschon ich Sie. Aber ich kanns nicht versprechen, ob wir Sie nicht brauchen. Österreicher jugend kann ich nicht einstellen, weil sie gleich ins lehramt muss, um den anschluss nicht zu versäumen. Ich kann nicht verantworten, sie zu fesseln.

Die Geschäfte der Wieland-Ausgabe führte Erich Schmidt. Die Mitarbeiter der Wielandausgabe kamen aus ganz Deutschland. Seuffert sah jedoch keine Möglichkeit, österreichische Mitarbeiter an der Wieland-Ausgabe zu vermitteln.

Karte von August Sauer an Bernhard Seuffert in Graz am 3. November 1904. Donnerstag Zitat AS

Ich habe Ihre Prolegomena mit heller Bewunderung gelesen und mit der Freude des Freundes über das grosse Glück Ihres Lebens, diese Ausgabe in die Wege leiten zu können. – Mein Stifterchen nimmt sich dagegen armselig aus: das weiss ich.

Sauer beglückwünschte Seuffert zur Herausgabe der ersten beiden Bände der Prolegomena zu einer Wielandausgabe, während er seine eigene Arbeit an der Stifterausgabe kritisch kommentierte.

Brief von Bernhard Seuffert an August Sauer in Prag am 14. Januar 1905. Samstag Zitat BS

Ich weiss noch nicht, wie ich die ferien verlebe. Zuerst muss ich einen dekanssubstituten auftreiben u. dann sehen, wie es mit der fortsetzung der Prolegomena steht, die über dem amt ins stocken gerieten. Es ist ein jammer.

Seuffert bemühte sich trotz seiner Verpflichtungen als Dekan der Philosophischen Fakultät in Graz (1904/1905) um eine Fortsetzung der Prolegomena zu einer Wielandausgabe. Die nächsten beiden Bände erschienen 1905.

Karte von August Sauer an Bernhard Seuffert in Graz am 18. Januar 1906. Donnerstag Zitat AS

Mit grosser Bewunderung habe ich Ihre Proleg. gelesen u. beglückwünsche Sie zu ihrer Vollendung. Ich überlege, ob ich einige Ihrer Ratschläge bei der Fortsetzg der Stifterausgabe verwerten kann.

Sauer bewunderte Seufferts Prolegomena zu einer Wielandausgabe und erwog, in einigen editorischen Fragen bei seiner Ausgabe der Werke von Adalbert Stifter ähnlich zu verfahren.

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