Weimarer Goetheausgabe

Die Edition von Johann Wolfgang von Goethes Werken war eines der wichtigsten philologischen Großunternehmungen Ende des 19. Jahrhunderts. 1885 wurde die Goethe-Gesellschaft in Weimar gegründet, welche die Initiativen zur historisch-philologischen Aufarbeitung von Goethes Nachlass unterstützte. Das von der Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar-Eisenach gestiftete Archiv koordinierte die Arbeiten an der Weimarer Ausgabe von Goethes Werken (1887 - 1919).

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Korrespondenz Zitat Kommentar
Karte von Bernhard Seuffert an August Sauer in Prag am 17. Mai 1886. Montag Zitat BS

Wissen Sie, dass ich den Göttling II für die gesellschaftsausgabe spielen soll? Aber ich fürchte die riesenarbeit der 150 bände und kann den Wieland nicht verschmerzen.

Bernhard Seuffert wurde im Sommer 1886 als Generalkorrektor für die Edition der Weimarer Goetheausgabe eingesetzt. Er verglich diese Position mit der des Philologen Karl Wilhelm Göttling, den J.W. v. Goethe bei der  Herausgabe seiner Werke herangezogen hatte.

Karte von August Sauer an Bernhard Seuffert in Würzburg am 18. Mai 1886. Dienstag Zitat AS

Wegen Weimar beneide ich Sie; ich wäre zu gerne hingefahren; auch zu der Goethe-Ausgabe Glück auf [...].

In der Korrespondenz zwischen August Sauer und Bernhard Seuffert sind die enthusiastischen Anfänge der Weimarer Goetheausgabe dokumentiert.

Brief von Bernhard Seuffert an August Sauer in Prag am 21. Juni 1886. Montag Zitat BS

Hüben steht der Wieland, drüben Goethe; hüben darstellung drüben textkritik; hüben beifall oder blamage, drüben eine stille tätigkeit; hüben eine individuelle vorliebe, drüben die beteiligung an einem monumentalen werke; hüben wenig pekuniärer gewinn, drüben eine kleine aber sichere einnahme. Was fällt schwerer in die wagschale?

Durch seine Mitarbeit an der Weimarer Goetheausgabe befürchtete Seuffert, keine Zeit mehr für seine eigene Forschung zu C.M. Wieland zu haben.

Karte von Bernhard Seuffert an August Sauer in Prag am (5. November 1886. Freitag) Zitat BS

Ich bin nach pfingsten nach Weimar zu sitzungen einberufen. Kommen Sie nicht auch einmal? Das wäre ideal. Sie zum vergnügen, ich zu einer wol wider unerquicklichen arbeit.

Schon bald stellten sich erste Frustrationen bei der Arbeit an der Goetheausgabe ein.

Brief von August Sauer an Bernhard Seuffert in Graz am 17. Dezember 1886. Freitag Zitat AS

Meine Meinung über Suphans Berufung wird Ihnen wol Schönbach mitgetheilt haben. Schlecht wird er seine Sachen nicht machen; aber, aber ....

Zur beschwerlichen Arbeit kamen Zweifel an Personalentscheidungen. Bernhard Suphan, der ab 1887 das Weimarer Goethe-Archiv leitete, war auch zuständiger Redaktor des von August Sauer edierten Bandes Götz von Berlichingen. Einzelne Bände bzw. größere Textpartien der Weimarer Ausgabe waren jeweils einem Redaktor zugeordnet, der als Ansprechperson für die Bearbeiter diente und eine Kontrolle des Manuskriptes vorzunehmen hatte. Die Zusammenarbeit von Sauer und Suphan war von großen Schwierigkeiten geprägt, die sich in der Korrespondenz in zahllosen polemisch gefärbten Ausfällen gegen Suphan manifestiert.

Karte von Bernhard Seuffert an August Sauer in Prag am 9. September 1887. Freitag Zitat BS

Ich habe niedergelegt und bin nur mehr im fünfercomité, dh ein ‚leiter der G.ausg.‘

Seuffert legte die Generalkorrektur der Weimarer Ausgabe bereits im Herbst 1887 nieder, blieb aber bis zum Abschluss der Ausgabe (1919) Mitglied des Redaktionskollegiums. Weitere Mitglieder des Redaktionsausschusses waren Herman Grimm, Carl Redlich, Erich Schmidt und Bernhard Suphan.

Brief von Bernhard Seuffert an August Sauer in Prag am 27./28. Januar 1888. Freitag/Samstag Zitat BS

Wenn Sie einmal eine stunde haben, wo Sie mit Ihrer lage unzufrieden sind, dann klopfen Sie an Ihre brust und sagen: Gott, ich danke Dir dass ich nicht bin ein Goetheredaktor und Sie haben mehr recht dazu als der Pharisäer. Denn diese plackerei ist unerhört. […] Und das alles um lesarten, kommata, apostrophe u. äussere einrichtung, zwischenstriche usf. Dazu korrekturbogen u. wenn ich auch nur redaktor bin, so muss ich doch bei dem wechsel der generalkorrektur genau zusehen.

Seuffert klagte jedoch weiterhin über die Arbeit an der Goetheausgabe.

Brief von August Sauer an Bernhard Seuffert in Graz am 22./23. August 1888. Mittwoch/Donnerstag Zitat AS

Von einer Geschichte des Werkes, oder auch nur des Textes ist mir gar nichts bekannt. Nach den Grundsätzen ist dergleichen sogar ausgeschlossen! Da schreibe ich j[a ü]ber den Götz einen ganzen Band! [...] Jetzt, wo ich nach einer Pause wieder zu den Sachen zurückkehre, stehe ich einem Chaos gegenüber. Man hätte unbedingt critische Grundsätze ausarbeiten müßen; eine Geschichte der Goethe-Ausgaben vorher schreiben lassen sollen.

Auch August Sauer arbeitete an der Weimarer Goetheausgabe mit und editerte Goethes Götz von Berlichingen.  Sowohl Seuffert als auch Sauer beanstandeten sehr früh die starren Editionsprinzipien der Ausgabe und ihre Umsetzung. Damit nahmen sie Elemente des späteren kritischen Diskurses über die zum ‚Monument‘ erstarrte Ausgabe vorweg.

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