Stifterausgabe

August Sauer beschäftigte sich in zahlreichen Forschungsbeiträgen mit dem österreichischen Dichter Adalbert Stifter. Er veröffentlichte 1900 erste Überlegungen zu einer historisch-kritischen Gesamtausgabe von Stifters Werken, 1902 wurde zur Unterstützung der Ausgabe ein von Sauer geleitetes Stifter-Archiv gegründet. Die Ausgabe der Sämmtlichen Werke Stifters erschien ab 1904 in der Reihe Bibliothek deutscher Schriftsteller aus Böhmen, Mähren und Schlesien, die im Auftrag der Gesellschaft zur Förderung der deutschen Wissenschaft, Kunst und Literatur in Böhmen herauskam.

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Korrespondenz Zitat Kommentar
Brief von August Sauer an Bernhard Seuffert in Graz am 2. Juni 1902. Montag Zitat AS

Horcicka ist Historiker, hat nicht das geringste philol. Verständnis, seinen Apparat zum 14. Band habe ich eigenhändig ganz umschreiben müssen, weil ich sah, daß er mich gar nicht verstanden hatte; um doch wenigstens etwas Gleichmässigkeit mit meinem Band zu erzielen.

August Sauer kritisierte aus editorischer Perspektive die Arbeit seines Kollegen Adalbert Horčička, der Mitherausgeber von A. Stifters Sämmtlichen Werken war.

Brief von August Sauer an Bernhard Seuffert in Graz am 17. September 1903. Donnerstag Zitat AS

So macht mir die Stifterausgabe, die übrigens ein Kinderspiel ist im Vergleich zu Ihrer Riesenarbeit, dreifache Mühe deshalb, weil mein Mitarbeiter Horcicka, so grosse Verdienste er sonst hat [u]nd ohne den mehrere Bände kaum zu machen gewesen wären, weil er das Material dazu vor uns in Händen hatte, von Philologie keine Ahnung hat.

Die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit Adalbert Horčička bei der Stifterausgabe gestaltete sich schwierig.

Karte von August Sauer an Bernhard Seuffert in Graz am 3. November 1904. Donnerstag Zitat AS

Ich habe Ihre Prolegomena mit heller Bewunderung gelesen und mit der Freude des Freundes über das grosse Glück Ihres Lebens, diese Ausgabe in die Wege leiten zu können. – Mein Stifterchen nimmt sich dagegen armselig aus: das weiss ich.

Sauer beglückwünschte Seuffert zur Herausgabe der ersten beiden Bände der Prolegomena zu einer Wielandausgabe, während er seine eigene Arbeit an der Stifterausgabe kritisch kommentierte.

Brief von August Sauer an Bernhard Seuffert in Graz am 22. November 1906. Donnerstag Zitat AS

Ich möchte beim Stifter Ihren Vorschlag nachahmen, auch die Namen der erfunden Personen ins Register aufzunehmen. Da Sie die Sache jedenfalls genau durchgedacht haben, so werden Sie mir einige Zweifel leicht beantworten können.

Sauer und Seuffert tauschten sich immer wieder über editorische Arbeitsschritte und Vorgehensweisen aus. Nachdem Seuffert in den Prolegomena zu einer Wielandausgabe auch fiktive Personen im Register verzeichnet hatte, entschied Sauer, diese Praxis für die Stifterausgabe zu übernehmen.

Karte von August Sauer an Bernhard Seuffert in Graz am 15. Januar 1909. Freitag Zitat AS

Ich habe auf Ihre Anregung hin in den Registern zu Stifters Werken auch die erfundenen Personen verzeichnen lassen. Die Sache hat aber große Schwierigkeiten bes. bei den ungenannten Nebenpersonen, o[bw]ohl es gewiß sehr interessant ist. Nun haben meine jungen Leute in der „Mappe des Urgroßvaters“ den Erzähler schlechtens mit Stifter identifiziert u. ebenso den Urgroßvater des Erzählers mit d. Urgroßvater Stifters etc. Das ist meiner Meinung nach falsch.

Die editorische Entscheidung Sauers bezüglich der Aufnahme von fiktiven Personen im Register führte in der Praxis zu Schwierigkeiten.

Brief von August Sauer an Bernhard Seuffert in Graz am 7. April 1910. Donnerstag Zitat AS

Auch in Prag gieng mir alles schief. Die Finanznot des Landes Böhmen, unter der auch die „Gesellschaft“ leidet, nahm man zum Vorwand, um in meiner Abwesenheit meine Unternehmungen, bes. die deutschböhm. Bibliothek schwer zu schädigen. [...] Nun hängt aber das Schicksal einiger jungen Leute, die bei der „D. Arbeit“ und bei der Stifterausgabe angestellt sind, damit zusammen; auch die finanzielle Lage der Unternehmungen würde noch schlechter wenn ich sofort zurücktrete; so muss ich, für einige Zeit wenigste[ns], gute Miene zum bösen Spiel machen.

Die Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und Literatur in Böhmen hatte finanzielle Schwierigkeiten, von denen sowohl die von ihr herausgegebene Zeitschrift Deutsche Arbeit als auch die Stifterausgabe betroffen war. 

Brief von August Sauer an Bernhard Seuffert in Graz am 2. Januar 1921. Sonntag Zitat AS

Meine Unternehmungen, mit Ausnahme des Euphorion, stecken noch immer, die Grillparzer wie die Stifterausgabe und wenn es auch manchmal den Anschein hat, als liessen [sich] die Karren noch einmal aus dem Sumpfe ziehen, so versinkt dieser Hoffnungsschimmer sofort. Zehn ungedruckte Grillparzerbände harren in Wien der Erlösung; ich bin am Ende meiner Weisheit angelangt; denn ich kann mich selbst nicht mehr zitieren; da mir mein Material entzogen ist und so sehe ich jede Hoffnung schwinden, [we]nigstens einen Teil der Vollendung noch zu erleben, wenn schon nicht das Ganze.

Sauers wichtigste editorische Projekte, die historisch-kritische Stifterausgabe und die historisch-kritische Grillparzerausgabe, wurden erst nach seinem Tode abgeschlossen. Der 25. und letzte Band der Stifterausgabe, später als Prag-Reichenberger-Ausgabe (PRA) bezeichnet, erschien erst 1979. Der letzte Band der Grillparzerausgabe kam 1948 heraus.

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