Projekte zur Österreichischen Literatur

August Sauer beschäftigte sich intensiv mit österreichischer Literatur. Neben seinen umfangreichen Forschungen zu Franz Grillparzer und der Arbeit an der historisch-kritischen Ausgabe von Adalbert Stifter verfolgte er dazu mehrere kleinere Projekte. Das Interesse Seufferts für österreichische Literatur und länderübergreifende Zusammenhänge wurde hingegen erst in der Auseinandersetzung mit Sauer geweckt. 

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Korrespondenz Zitat Kommentar
Karte von August Sauer an Bernhard Seuffert in Würzburg am 12. April 1882. Mittwoch Zitat AS

Werner, Minor und ich geben ‚Studien zur deutsch-öst. Lit. Gesch‘ heraus, die ich mit einem Heft über das erste Manuscr. von Grillparzers Ahnfrau eröffne. Je mehr ich mich nun mit öst. Lit. zum Zwecke dieses Unternehmens beschäftige, desto notwendiger scheint es mir, auch wichtigere öst. Sachen in Neudrucken vorzulegen.

Am Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn begründete August Sauer mit Jakob Minor und Richard Maria Werner eine Buchreihe zu österreichischer Literatur, die als Beiträge zur Geschichte der deutschen Litteratur und des geistigen Lebens in Österreich von 1883 bis 1884 im Wiener Verlag Konegen erschien. In der Reihe sollten - ergänzend zu den Wiener Neudrucken - speziellere Monographien und Editionen zur deutschen Literatur in Österreich erscheinen.

Brief von August Sauer an Bernhard Seuffert in Würzburg am 24. Januar 1883. Mittwoch Zitat AS

Auf d. Umschlag von Heft 2 werden Sie einen Grundriß zur G. d. d. L. i Ö. angekündigt finden. Erschrecken Sie nicht vor diesem Wagnis. Es ist absichtlich eine Vorausverkündigung auf [la]nge Jahre; denn ich werde mich erst vom nächsten Jahr ab darauf concentriren können. Übrigens hängt diese [A]rbeit von meinen Wiener aufenthalten ab; denn alles kann ich nicht hieherschleppen.

Im zweiten Heft der Reihe Wiener Neudrucke, in der Texte der österreichischen Literaturgeschichte des 16. bis 19. Jahrhunderts erschienen, kündigte Sauer einen bibliographischen Grundriß zur Geschichte der deutschen  Literatur in Österreich an. Der Plan wurde nicht realisiert. Teile des Materials, das Sauer dafür gesammelt hatte, flossen jedoch in seinen späteren Beitrag in Karl Goedekes Literaturgeschichte Grundrisz zur Geschichte der deutschen Dichtung ein.

Brief von Bernhard Seuffert an August Sauer in Graz am 23. Dezember 1884. Dienstag Zitat BS

Und wie ists mit Ihrer Ahnfrau? sie spukt und spukt und lässt sich nicht sehen, ganz anders als es weisse damen sonst zu thun pflegen.

Als erstes Heft der Beiträge zur Geschichte der deutschen Litteratur und des geistigen Lebens in Österreich hatte Sauer lange eine Studie über Grillparzers Drama Die Ahnfrau angekündigt. Die Studie wurde nie veröffentlicht. Der österreichische Dichter Franz Grillparzer blieb dennoch einer von Sauers wichtigsten Forschungsschwerpunkten.

Brief von Bernhard Seuffert an August Sauer in Prag am 21. Juni 1886. Montag Zitat BS

Ja ich hege die überzeugung, dass ich ein liebevolleres verständnis für den dichter, der allerdings jetzt meiner seele noch fremd ist, gewinne, wenn Sie mich führen.

Bernhard Seuffert hatte kein spezielles Interesse für österreichische Literatur, Sauers Forschungen zu Grillparzer regten jedoch seine Auseinandersetzung damit an.

Brief von August Sauer an Bernhard Seuffert in Graz am 16. Mai 1889. Donnerstag Zitat AS

Ich darf mein Leben nicht auf diese weise verzetteln; ich muß endlich das machen, wozu ich tauge. 1. Grillparzer 2. Iambus 3. Geschichte der deutschen Litteratur in Oesterreich. Sind diese 3 Dinge fertig; dann wird’s ja auch mit mir alle sein.

Sauer legte einen Schwerpunkt seiner Forschung auf Franz Grillparzer und die österreichische Literatur.

Brief von August Sauer an Bernhard Seuffert in Graz am 17. Juni 1896. Mittwoch Zitat AS

Der Hauptvortheil des neuen Arrangements ist der, daß mir nun eine Subvention des öst. Ministeriums gewiß ist, des österreich. Verlegers und der Beilage wegen. Ich denke, die Beilage wird mir für [D]eutschland nichts schaden, für den Absatz in Oesterreich aber sehr nutzen. Von Jahrgang 1898 an erscheint eine selbständige Beilage zum Euphorion: Zeitschrift für die Geschichte der deutschen Lit. in Öst.-Ungarn, hrsgg. von Nagl & Zeidler, mit deren Redaction ich nichts weiter zu thun [hab]e, als daß mir das Einspruchsrecht gegen die Aufnahme der einzelnen Artikel zusteht. Ich habe mir ausbedungen, daß jede der beiden Zs. einzeln käuflich ist, daß die Abonnenten d. Euphorion nicht gezwungen werden dürfen, die Beilage zu halten, wol aber wird für die Abonnenten beider Zeitschriften ein Vorzugspreis fixirt werden.

Nachdem die ersten drei Jahrgänge von Sauers Zeitschrift Euphorion im Verlag C. C. Buchner herausgekommen waren, erschien die Zeitschrift ab 1897 im Verlag Carl Fromme (Wien). Im Zuge der Übernahme plante der Verlag eine literaturgeschichtliche Beilage zur deutsch-österreichischen Literatur, die von Willibald Nagl und Jakob Zeidler gestaltet werden sollte.

Brief von Bernhard Seuffert an August Sauer in Prag am 19. Juni 1896. Freitag Zitat BS

Schönbach, der bedauert, dass Sie mit dem alten verleger schwierigkeiten bekamen, lässt Sie besonders vor der verbindung mit Nagl warnen; er halte diesen in litterarhistorischen dingen für sehr unbewandert; seine zwecke lägen nicht in der sache, sondern in der förderung seiner persönlichen absichten, u. seine person sei unsicher. Wenn ich wüsste, dass Sie Nagl genau kennen, so würde ich schweigen. Sie wissen wol, dass der, vielleicht begründete, verdacht besteht, er habe sich hier nur habilitiert, weil er sich vor einer Wiener habil. fürchtete. Ich bereue diese habilit. nicht, denn ein guter dialektforscher ist er zweifellos. Aber für einen litterarhistoriker halte ich ihn nicht.

Sowohl Seuffert als auch Sauers ehemaliger Grazer Kollege, Anton Emanuel Schönbach, bezweifelten die literaturgeschichtliche Kompetenz Willibald Nagls und rieten von einer Zusammenarbeit mit ihm ab.

Brief von August Sauer an Bernhard Seuffert in Graz am (17. April 1897). Samstag Zitat AS

Nagls Machwerk, die elende Zeidlerei hat in mir den Entschluß zur Reife gebracht, die Beilage der öst. Lit. Gesch. zum Euphorion nicht zu dulden, selbst auf die Gefahr hin, daß dieser zu Grunde gienge. Daß Jemand [dur]ch diese Weise ein Buch zusammenstoppeln, zusammenstückeln könne, war mir unerfindlich. Gelesen habe ich es noch nicht, nur das Leseblatt angesehen. Ich hoffe: Fromme erweist sich als verständig genug um das Gute und schlechte von einander zu scheiden. Kämpfe wird’s freilich geben. Aber daran bin ich schon gewohnt.

Sauer kritisierte das Projekt zu einer Deutsch-Österreichischen Literaturgeschichte von Willibald Nagl und Jakob Zeidler immer stärker. Er entschied sich gegen die Verknüpfung des Projekts mit seiner Zeitschrift Euphorion. Aus dem literaturgeschichtlichen Vorhaben entwickelte sich ein umfangreiches Handbuch, das ab 1897 in vier Bänden als eigenständige Publikation im Fromme-Verlag erschien. Die Deutsch-Österreichische Literaturgeschichte wurde erst 1937 unter Eduard Castle mit dem vierten Band abgeschlossen.

Brief von August Sauer an Bernhard Seuffert in Graz am (10. Oktober 1898. Montag) Zitat AS

Sie sehen, daß es mir an Ärger u. Sorgen nicht fehlt. Am meisten verdroß mich Fürsts Perfidie, der, obgleich er früher an diesen meinen Studien lebhaften Antheil genommen, mir seine eigenen Notizen zur Verfügung gestellt [un]d Nachträge eingefügt hatte, meinen § 298 in der „Zeit“ u. vermutlich auch in der „Gegenwart“ unqualificierbar verhöhnte und da Goetze durch seinen Umfang ohnehin schon kopfscheu geworden war u. zu streichen begonnen hatte, so habe ich zum Schaden noch den Spott zu ertragen. So drängt mich eigentlich alles dazu hin, mich vom publicistisch-betriebsam-litterarischen Leben ganz zurückzuziehen und wie Sie nur der Untersuchung zu leben und je früher dieser Tag, der mich mir selbst zurückgibt, einträte, desto besser wär es für mich, meine Gesundheit, meine Zukunft und mein Arbeiten. So bindet man sich selbst die Ruten, mit denen man todtgegeißelt wird.

August Sauer verfasste für die zweite Auflage von Karl Goedekes Grundrisz zur Geschichte der deutschen Dichtung, der nach dem Tode des Verfassers von Edmund Götze fortgeführt wurde, einen Abschnitt, der sich mit österreichischen Dichtung zwischen 1770 und 1815 beschäftigte. Sauer hatte den § 298 in den Heftlieferungen 17 und 18 (1897) begonnen und in Heft 19 (1898) abgeschlossen. Sauers § 298 wurde wegen seines großen Umfangs oft kritisiert - das Zitat bezieht auf eine Rezension des Germanisten Rudolf Fürst.

Brief von August Sauer an Bernhard Seuffert in Graz am 2. Juni 1902. Montag Zitat AS

Ich fuhr nach Pfingsten nach Weimar, um in meinem Man. ein[ige]s zu ergänzen. Es stellte sich heraus, was mir übrigens längst klar gewesen war, daß mein Text viel zu groß sei;

August Sauer gab als Schriften der Goethe-Gesellschaft zwei monumentale programmatisch betitelte Bände Goethe und Österreich heraus. Anhand einer Auswahl der Korrespondenz zwischen Johann Wolfgang von Goethe und österreichischen Korrespondenzpartnern machte er damit auf die Bedeutung der Beziehungen Goethes zu Österreich aufmerksam. Ursprünglich war nur ein Band geplant, aufgrund des umfangreichen Materials entschloss man sich jedoch, die umfangreiche Arbeit auf zwei Bände aufzuteilen.

Brief von Bernhard Seuffert an August Sauer in Prag am 7. Juni 1902. Samstag Zitat BS

Aber ich freu mich auf Ihre einleitung, weil ich darin ein gesamtbild von Österr.s stellung zu Goethe erhalte. Und ich werde mir gewiss mühe geben, meine sinne für all die von Ihnen zusammengeleiteten quellen zu schärfen. Komm ich doch gerade jetzt selbst zu einem bezüglein Goethes zu Böhmen! In einem wunderlichen artikelchen Kunst u. altert. stehen ein paar dinge, die mich zu auffällig an die Novelle erinnern, um unbeachtet zu bleiben. Und jener artikel nennt den Schlossberg in Teplitz als schauplatz!

Seuffert fand in Johann Wolfgang von Goethes Prosatext Novelle (1828) Bezüge zum böhmischen Kur- und Badeort Teplitz und setzte sich damit wisssenschaftlich auseinander. Er freute sich, auf Sauers grundlegende umfangreiche Forschungen zu Goethe und Österreich zurückgreifen zu können.

Brief von August Sauer an Bernhard Seuffert in Graz (nach dem 15. Juli 1902) Zitat AS

Was nun die Verwertung anbelangt: am liebsten möchte ich Sie bitten, mir die Untersuchung als Beilage zu meiner Einleitung meines I. Bds. „Goethe & Öst.“ zu überlassen. Natürlich unter Ihrem Namen mit Erwähnung auf dem Titelblatt. Ich weiß nur 1. nicht, ob und wie viel die Schriften der Goethegesellschaft zahlen 2. ob wir dazu die Zustimmung der Redacteure (Schmidt u. Suphan) brauchen und wenn ja, ob es Ihnen recht wäre, wenn ich Sie einhole. Ein Stück „Goethe und Österreichs“ wäre es ja immer.

Sauers Idee, in die Einleitung des ersten Bandes von Goethe und Österreich Seufferts Artikel Teplitz in Goethes Novelle aufzunehmen, wurde nicht realisiert. Bernhard Seuffert veröffentlichte seinen Artikel 1903 jedoch als eigenständige Publikation.

Brief von August Sauer an Bernhard Seuffert in Graz am 27. Dezember 1902. Samstag Zitat AS

In meine Vorrede zu Schriften XVII hat er [Suphan] auf jeder Seite 3mal seinen Namen hinein g[ed]ruckt und ich musste die Verunreinigung dulden, wenn ich nicht auch mit ihm Streit kriegen wollte. Wir stehen ohnehin schon schlecht genug und ich muss 1903 noch 2mal nach Weimar wegen des 2. Bandes, im Frühjahr und im Herbst. Dann sieht mich Weimar solange dieser trockne Schleicher regiert – niemals wieder.

August Sauer forschte in Weimar zu den Verbindungen, die  Johann Wolfgang von Goethe zu Österreich hatte. Zwischem Sauer und Bernhard Suphan, dem Leiter des Goethe-Archivs in Weimar, bestand ein schwieriges Verhältnis. In der Einleitung des ersten Bandes von Goethe und Österreich lobte Sauer jedoch die institutionelle Zusammenarbeit.

Brief von August Sauer an Bernhard Seuffert in Graz am 27. Dezember 1902. Samstag Zitat AS

Nur die Bibl. d. Schriftsteller aus Böhmen muss ich behalten. Ganz im Stillen habe ich 13 Bände redigiert, dz. ohne Honorar. Erst die letzten Bde, die ich selbst gemacht habe, tragen mir etwas. Dieses Opfer zu verstehen, dazu gehörte ein Einblick in die hiesigen politischen Verhältnisse. Die „Gesellschaft“ hat Wunder gewirkt. Wir haben die Parität in der Kunstgalerie durchgesetzt, einen deutschen Professor an der Kunstakademie erreicht u. vieles Andre. Die Sternberg-Ausgabe ist eine politische That.

Aus Sauers zweibändigem Werk Goethe und Österreich wurde die Edition des Briefwechsels zwischen Johann Wolfgang von Goethe und Kaspar Graf von Sternberg wegen ihres Umfangs ausgeglie­dert. Die dreibändige Ausgabe der Ausgewählten Werke des Grafen Kaspar von Sternberg (1901-1909) erschien in der Reihe der Bibliothek deutscher Schriftsteller aus Böhmen, Mähren und Schlesien. Die 39-bändige Reihe wurde von der Prager Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und Literatur in Böhmen herausgegeben, in der Sauer seit 1891 Mitglied war. Sauer klagte über die dortigen Arbeitsbedingungen, sah die Publikation der Buchreihe aber als wichtige kulturpolitische Aufgabe.

Brief von August Sauer an Bernhard Seuffert in Graz am 22. April 1904. Freitag Zitat AS

Nun droht freilich viele neue Arbeit für den Wiener Verein und ganz angenehm gehts dort auch nicht zu; aber es herrscht doch keine solche Engherzigkeit und Pedanterie wie in W.

August Sauer war Vorstandsmitglied des Wiener Literarischen Vereins, der 1903 von Karl Glossy und Anton Bettelheim gegründet wurde. Sauer gilt jedoch als treibende Kraft hinter der Vereinsgründung. Zweck des Vereins war die Herausgabe von Handschriften und selten vorkommenden Druckwerken deutsch(-österreichisch)er Dichter und Schriftsteller sowie die Errichtung eines Literaturarchives zur Aufnahme und Benutzung von Handschriften, Briefen und Dokumenten. Sauers Kommentar betrifft das Goethe- und Schillerarchiv in Weimar, dessen Leiter Bernhard Suphan er immer wieder kritisierte.

Brief von Bernhard Seuffert an August Sauer in Prag am 2. Januar 1905. Montag Zitat BS

Denn an den andern stört mich die specifisch österreichische tendenz, die ich nationalpolitisch für ein unglück und sachlich für unbegründet halte: denn es gibt wol eine deutsche litteratur in Österreich, aber keine österreichische litteratur. Verzeihen Sie die offenheit; ich glaube aber doch, hierin mit Ihnen eines sinnes zu sein, zumal ich gerade wie Sie wünsche, dass die deutsche in Österreich gewachsene litteratur genau untersucht werde, und darum ja z.b. auch über den Wiener M.A. arbeiten liess.

Während August Sauer immer mehr Besonderheiten einer österreichischen Literaturgeschichte herausarbeitete, lehnte Seuffert das Konzept einer eigenständigen österreichischen Literatur ab.

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