Prag 22.8.88.
Weinberge Hawlitschekgasse 62

Lieber, mir immer näher verbundener Freund!

Ihr überaus reicher Brief traf mich nicht i[n] Prag. Mein Unwolsein im Juli bewies mir daß ich meine Kräfte überschätzt hatte und ich mußte ins Freie. Leider konnte ich nicht sehr weit weg wegen des Offiziersrapports Mitte dieses Monats; so war ich mit Maly in Hohenfurth im südl. Böhmen u. dann bei meinem älteren Bruder. Halb und halb erfrischt, kam ich Anfangs dieser Woche zurück; aber die Arbeiten wollen noch immer nicht vowärts; vielleicht hilft mein liebes altes Wien. Jedoch habe ich die lange anstrengende [ Kärr]nerarbeit aufgegeben u. werde nur etwa 14 Tage dort schürfen; wahrscheinlich erst in der 2. Hälfte Spt.
Ich habe Ihren Brief nun wieder genau durchgenommen u. will ihn der Reihenfolge der Materien nach beantworten.
Schüddekopf hat mir auch geschrieben; ich werde ihm noch heute antworten. Ich glaube, Sie haben ganz recht gethan; u. sollte sich das Kürschnersche Schatzhaus, das eher einer Grabeshöhle gleicht, auch einmal öffnen, so wird eine Sammlung der zerstreuten Gedichte Götzens sogar neben einer Ausgabe nach den Man. ihren sel[bst]ändigen Wert behalten. Schüddekopf kommt damit gewiß rascher zum Ziele als ich mit dem Anakreon (obgleich der Text des letzteren fertig im Pulte liegt); ob Ihnen das dann nicht zu viel Götzendienstes ist, laße ich dahingestellt. Vorderhand schreibe ich den Neudruck auf die Liste der von mir zu liefernden Werke und behalte die Sache im Auge.
Fellners Proceß scheint nach einem dürftigen und ungenauen Telegramm in der Boh[em]ia schief gegangen zu sein, was mir wirklich in die Seele hinein leid thut. Aus Tübingen habe ich nichts mehr gehört u. meine Hoffnung, die ohnehin nicht groß war, ist nun ganz gesunken. Wenn er die Strafe nur über sich ergehen läßt u. nicht etwa in der Aufregung Hand an sich legt. Das fürchte ich am meisten.
Ihre Mittheilungen über die Goethe Ausgabe haben mir die Augen noch weiter geöffnet, als ich sie schon aufgesperrt hatte. Von einer Geschichte des Werkes, oder auch nur des Textes ist mir gar nichts bekannt. Nach den Grundsätzen ist dergleichen sogar ausgeschlossen! Da schreibe ich j[a ü]ber den Götz einen ganzen Band! Dazu habe ich hier auch gar nicht das Material, müßte noch einmal nach Weimar oder an eine große Bibl. Das kann wie Sie wol auch meinen erst geschehen, wenn die ganze Ausgabe vorliegt.
Jetzt, wo ich nach einer Pause wieder zu den Sachen zurückkehre, stehe ich einem Chaos gegenüber. Man hätte unbedingt critische Grundsätze ausarbeiten müßen; eine Geschichte der Goethe-Ausgaben vorher schreiben lassen sollen. Der Text des Gö[t]z ist so viel ich sehe dreimal durch unechte Ausgaben hindurchgegangen. Der 2. Ausg. vom Jahre 74 liegt ein Nachdruck der ersten Ausgabe zu Grunde; der Göschenschen Ausg liegt h zu Grunde; A baut sich auf der 4bändigen Göschenschen Ausgabe auf, die doch auch unecht ist. Muß nun alles was nachweislich aus diesen Ausgaben stammt, aus dem Text wieder herausgeschafft werden. z. B. In E sagt Weislingen im Monolog des 1. Aktes: ‚Heiliger Gott, was will aus dem allen werden!‘ Von den Drucken aus dem Jahre 1774 hat der ric[ht]ig paginirte keine Änderung; die beiden falsch paginirten: ‚Heiliger Gott, was will will aus dem allen werden!‘ h1 setzt ein Komma zwischen den beiden ‚will‘; h2 = E. S nimmt die Lesart von h1 herüber u. sie erbt sich bis C fort. Dem Stil des Götz entspricht diese Wiederholung vollständig. Darf man da streichen oder nicht?
Während nun solche Änderungen wichtigerer Art sehr selten sind, so beruht aber die ganze Interpunction des Götz auch auf diesen unechten Ausgaben, insbesondere au[f] h1 und Sa, ABC ändern daran nach Willkür und so ist die Interpunction in C meiner Ansicht nach das größte Kauderwelsch das man sich denken kann. Ja noch mehr. Die Theaterhandschriften lehnen sich in Text u. Interpunction an die Ausgaben vor h1 an, geben also Goethes Intentionen genauer wieder. Befolge ich nun Burdachs Grundsatz als was in Goethescher Hdschrft vorliegt vollständig genau zu verzeichnen, so muß ich die ganze Interpunction der Theaterhandschriften wiedergeben, dadurch indirect auch die der Ausgaben vor h1. Wenn ich nun in meinem Text normalisire weiß niemand wie die Interpunction von S–C aussieht; also muß ich auch diese verzeichnen. Ließen sich für die Interpunction vor Relativsätzen, vor daß, und etc allenfalls Beispiele angeben, Was ! mache ich mit den zahllosen Frage und Ausrufungssätzchen, welche bald mit Punctum, bald mit ! bald mit ? geschlossen sind. Von Consequenz ist da nirgends auch nur eine Spur zu finden. Erwäge ich nun das was Sie schreiben von der Wichtig- keit der Druckusancen des 18 Jh. etc., so komme ich zu dem Schluß, daß die Interpunction entweder gar nicht berücksichtigt werden darf oder vollständig verzeichnet werden muß.
Am liebsten möchte ich mit der Fort[setz]ung meiner Arbeit bis zum Erscheinen der nächsten Serie warten. (NB: Suphan verlangt mein Man. für October) Ich bitte Sie daher mir sobald es Ihnen möglich ist auf einer Karte zu schreiben wann Ihre und Burdachs Arbeit erscheint; vielleicht daß ich mich nach diesen Mustern richten kann. Und weil ich schon im Fragen bin, so möchte ich gerne wissen, ob Suphan (oder Wahle) zu Auskünften verpflichtet sind; ob sie Auszüge aus Tagebüchern etc. liefern müßen oder ob das Gefälligkeit gegen den Specialherausgeber ist. Ich brauche nothwendig alle Theaterzettel der Aufführungen des Götz u. andere Dinge, die ich mir nur aus Weimar zu verschaffen weiß.
Was meine Coll. anlangt, so habe ich mich dadurch zu sichern gesucht, daß ich jeden Text mit dem unmittelbar vorausge[h]enden u. mit dem unmittelbar nachfolgenden u. dann dh meistens auch mit C oder E verglichen habe. Bei einem umfangreichen Werk wie der Werther ist erfordert aber diese Methode eine Frist von mehreren Jahren. Ich begreife, daß Schmidt über das Variantenklauben wüthend ist.
Glauben Sie, daß man mir Ihr Elaborat schickt, wenn ich es verlange? Ich scheue mich bei Suphan eine Fehlbitte zu thun. Bei all ihrer ! Strenge: Ich wäre zu Tod froh, wenn ich Sie als Redactor über mir wüßte. Mir kommt es vor, als ob sich S. nicht dafür interessirte.
Vom 2. Heft Ihrer Ztschrft habe ich bisher blos Bruchstücke gesehen, darunter sind die Forschungen zum Faustbuch die wertvollsten. Über die Schleswigschen Lit. Briefe habe ich große Freude, dgl. über Moritz. Julius v. Tarent ist ein nothwendiges Übel. Wie denken Sie über den Phöbus? Über Canitz? Bes. den Anhang zur zweiten Ausgabe. Oder verfällt der schon den Berlinern? Georg Jacobi? – Ich nehme im Seminar im Winter 16 Jh. im Anschluß an das Colleg. –
Daß Ihnen Frau v. Zwiedineck nahe getreten ist, freut mich zu hören. Auch ich mußte mich erst durch das Dornengestrüpp durchwinden bevor ich ins Heiligthum Ihrer ! Seele Einlaß bekam. Aber sie gehört nun zu meinen treuesten. Von Gurlitt höre ich nichts, von Bauer wenig. Schönbach soll ein ahd. Man. entdeckt haben; ich lese so wenig Ztgen daß ich das Wichtigste übersehe. Kelle war in der Schweiz auf einer Handschriftenjagd, die Resultate scheinen nach s. Berichten mehr negativer Art zu sein; aber er ist zufrieden. Was sagen Sie zu Rödigers neuer Sammlung. Anti-QF?? Oder nicht?
Als Rechtshistoriker fürchten wir Schuster, als Engländer hoffe ich Pogatscher. Schmidt ist in Brandl vernarrt. Ich erfahre immer mehr wie er gegen mich hier agitirte.
Empfehlen Sie mich Ihrer Frau u. arbeiten Sie nicht zu viel. Man sagt mir das so oft, daß ich es fast schon befolge. Mit herzlichen Grüßen Ihr AS.

Ich muß noch ein Frageblättchen hinzufügen. Ehlermann hat mich gebeten für die 2. Aufl. des Goedekeschen Grundrisses den § über die StDränger zu übernehmen u. da er angab im Einverstädnisse mit ESchmidt die Vertheilung getroffen zu haben, sagte ich zu. Nun ist die Sache doch sehr kitzlich, da wieder wie bei Goethe keine Grundsätze existiren. Nach meiner Meinung müßte der frühere II Band ganz in der Weise des früheren III behandelt werden werden; d. h. ich glaube bei Lenz etwa müßte ebenso jedes Gedicht verzeichnet werden wie etwa bei Rückert; ein Dichter wie Schubart kommt in der 1. Aufl. unglaublich schlecht weg. Auf diese Weise schwillt aber ein § auf das 5 oder 10fache des Raumes an (was allerdings in den bisherigen Bden der 2. Aufl. auch geschehen ist.) Ich möchte Sie nun fragen, ob Sie auch mitarbeiten u. wie Sie es dabei h[al]ten. 2. Wie es mit dem Honorar steht. E. will kein Angebot machen; mir fehlt jeder Maßstab zu einer Forderung. Da offenbar viele unserer Bekannten mitarbeiten (Minor hat dunkle Andeutungen fallen laßen), so könnte man vielleicht ein einheitliches Vorgehen dabei erzielen. Ich will kein über[m]äßiges Honorar; aber ganz um der Ehre Willen kann man doch nicht immer arbeiten; schon bei der Goethe Ausgabe verschreibt man mehr Papier mit Varianten als die Vergütung beträgt.
Nochmals der Ihrige
AS.

II. Ergänzungsblatt.

Wenn sich das Erscheinen Ihres Goethebandes verzögern sollte, [kö]nnten Sie nicht vielleicht so gefällig sein und mir Correcturbogen schicken; vom Text einige Proben, die Varianten im Zusammenhang. Ich würde sie gewiß nicht misbrauchen. Dürften Sie auch Burdachs Bo[g]en als Correctur weitergeben, so wäre mir doppelt geholfen.
Nun aber genug. Zur Post!

23./8 88.

Vor zehn Jahren war ich in Bosnien um diese Zeit. Jeder Tag bringt eine andere Erinnerung mit sich herauf.

Prag 22.8.88.
Weinberge Hawlitschekgasse 62

Lieber, mir immer näher verbundener Freund!

Ihr überaus reicher Brief traf mich nicht i[n] Prag. Mein Unwolsein im Juli bewies mir daß ich meine Kräfte überschätzt hatte und ich mußte ins Freie. Leider konnte ich nicht sehr weit weg wegen des Offiziersrapports Mitte dieses Monats; so war ich mit Maly in Hohenfurth im südl. Böhmen u. dann bei meinem älteren Bruder. Halb und halb erfrischt, kam ich Anfangs dieser Woche zurück; aber die Arbeiten wollen noch immer nicht vowärts; vielleicht hilft mein liebes altes Wien. Jedoch habe ich die lange anstrengende [ Kärr]nerarbeit aufgegeben u. werde nur etwa 14 Tage dort schürfen; wahrscheinlich erst in der 2. Hälfte Spt.
Ich habe Ihren Brief nun wieder genau durchgenommen u. will ihn der Reihenfolge der Materien nach beantworten.
Schüddekopf hat mir auch geschrieben; ich werde ihm noch heute antworten. Ich glaube, Sie haben ganz recht gethan; u. sollte sich das Kürschnersche Schatzhaus, das eher einer Grabeshöhle gleicht, auch einmal öffnen, so wird eine Sammlung der zerstreuten Gedichte Götzens sogar neben einer Ausgabe nach den Man. ihren sel[bst]ändigen Wert behalten. Schüddekopf kommt damit gewiß rascher zum Ziele als ich mit dem Anakreon (obgleich der Text des letzteren fertig im Pulte liegt); ob Ihnen das dann nicht zu viel Götzendienstes ist, laße ich dahingestellt. Vorderhand schreibe ich den Neudruck auf die Liste der von mir zu liefernden Werke und behalte die Sache im Auge.
Fellners Proceß scheint nach einem dürftigen und ungenauen Telegramm in der Boh[em]ia schief gegangen zu sein, was mir wirklich in die Seele hinein leid thut. Aus Tübingen habe ich nichts mehr gehört u. meine Hoffnung, die ohnehin nicht groß war, ist nun ganz gesunken. Wenn er die Strafe nur über sich ergehen läßt u. nicht etwa in der Aufregung Hand an sich legt. Das fürchte ich am meisten.
Ihre Mittheilungen über die Goethe Ausgabe haben mir die Augen noch weiter geöffnet, als ich sie schon aufgesperrt hatte. Von einer Geschichte des Werkes, oder auch nur des Textes ist mir gar nichts bekannt. Nach den Grundsätzen ist dergleichen sogar ausgeschlossen! Da schreibe ich j[a ü]ber den Götz einen ganzen Band! Dazu habe ich hier auch gar nicht das Material, müßte noch einmal nach Weimar oder an eine große Bibl. Das kann wie Sie wol auch meinen erst geschehen, wenn die ganze Ausgabe vorliegt.
Jetzt, wo ich nach einer Pause wieder zu den Sachen zurückkehre, stehe ich einem Chaos gegenüber. Man hätte unbedingt critische Grundsätze ausarbeiten müßen; eine Geschichte der Goethe-Ausgaben vorher schreiben lassen sollen. Der Text des Gö[t]z ist so viel ich sehe dreimal durch unechte Ausgaben hindurchgegangen. Der 2. Ausg. vom Jahre 74 liegt ein Nachdruck der ersten Ausgabe zu Grunde; der Göschenschen Ausg liegt h zu Grunde; A baut sich auf der 4bändigen Göschenschen Ausgabe auf, die doch auch unecht ist. Muß nun alles was nachweislich aus diesen Ausgaben stammt, aus dem Text wieder herausgeschafft werden. z. B. In E sagt Weislingen im Monolog des 1. Aktes: ‚Heiliger Gott, was will aus dem allen werden!‘ Von den Drucken aus dem Jahre 1774 hat der ric[ht]ig paginirte keine Änderung; die beiden falsch paginirten: ‚Heiliger Gott, was will will aus dem allen werden!‘ h1 setzt ein Komma zwischen den beiden ‚will‘; h2 = E. S nimmt die Lesart von h1 herüber u. sie erbt sich bis C fort. Dem Stil des Götz entspricht diese Wiederholung vollständig. Darf man da streichen oder nicht?
Während nun solche Änderungen wichtigerer Art sehr selten sind, so beruht aber die ganze Interpunction des Götz auch auf diesen unechten Ausgaben, insbesondere au[f] h1 und Sa, ABC ändern daran nach Willkür und so ist die Interpunction in C meiner Ansicht nach das größte Kauderwelsch das man sich denken kann. Ja noch mehr. Die Theaterhandschriften lehnen sich in Text u. Interpunction an die Ausgaben vor h1 an, geben also Goethes Intentionen genauer wieder. Befolge ich nun Burdachs Grundsatz als was in Goethescher Hdschrft vorliegt vollständig genau zu verzeichnen, so muß ich die ganze Interpunction der Theaterhandschriften wiedergeben, dadurch indirect auch die der Ausgaben vor h1. Wenn ich nun in meinem Text normalisire weiß niemand wie die Interpunction von S–C aussieht; also muß ich auch diese verzeichnen. Ließen sich für die Interpunction vor Relativsätzen, vor daß, und etc allenfalls Beispiele angeben, Was ! mache ich mit den zahllosen Frage und Ausrufungssätzchen, welche bald mit Punctum, bald mit ! bald mit ? geschlossen sind. Von Consequenz ist da nirgends auch nur eine Spur zu finden. Erwäge ich nun das was Sie schreiben von der Wichtig- keit der Druckusancen des 18 Jh. etc., so komme ich zu dem Schluß, daß die Interpunction entweder gar nicht berücksichtigt werden darf oder vollständig verzeichnet werden muß.
Am liebsten möchte ich mit der Fort[setz]ung meiner Arbeit bis zum Erscheinen der nächsten Serie warten. (NB: Suphan verlangt mein Man. für October) Ich bitte Sie daher mir sobald es Ihnen möglich ist auf einer Karte zu schreiben wann Ihre und Burdachs Arbeit erscheint; vielleicht daß ich mich nach diesen Mustern richten kann. Und weil ich schon im Fragen bin, so möchte ich gerne wissen, ob Suphan (oder Wahle) zu Auskünften verpflichtet sind; ob sie Auszüge aus Tagebüchern etc. liefern müßen oder ob das Gefälligkeit gegen den Specialherausgeber ist. Ich brauche nothwendig alle Theaterzettel der Aufführungen des Götz u. andere Dinge, die ich mir nur aus Weimar zu verschaffen weiß.
Was meine Coll. anlangt, so habe ich mich dadurch zu sichern gesucht, daß ich jeden Text mit dem unmittelbar vorausge[h]enden u. mit dem unmittelbar nachfolgenden u. dann dh meistens auch mit C oder E verglichen habe. Bei einem umfangreichen Werk wie der Werther ist erfordert aber diese Methode eine Frist von mehreren Jahren. Ich begreife, daß Schmidt über das Variantenklauben wüthend ist.
Glauben Sie, daß man mir Ihr Elaborat schickt, wenn ich es verlange? Ich scheue mich bei Suphan eine Fehlbitte zu thun. Bei all ihrer ! Strenge: Ich wäre zu Tod froh, wenn ich Sie als Redactor über mir wüßte. Mir kommt es vor, als ob sich S. nicht dafür interessirte.
Vom 2. Heft Ihrer Ztschrft habe ich bisher blos Bruchstücke gesehen, darunter sind die Forschungen zum Faustbuch die wertvollsten. Über die Schleswigschen Lit. Briefe habe ich große Freude, dgl. über Moritz. Julius v. Tarent ist ein nothwendiges Übel. Wie denken Sie über den Phöbus? Über Canitz? Bes. den Anhang zur zweiten Ausgabe. Oder verfällt der schon den Berlinern? Georg Jacobi? – Ich nehme im Seminar im Winter 16 Jh. im Anschluß an das Colleg. –
Daß Ihnen Frau v. Zwiedineck nahe getreten ist, freut mich zu hören. Auch ich mußte mich erst durch das Dornengestrüpp durchwinden bevor ich ins Heiligthum Ihrer ! Seele Einlaß bekam. Aber sie gehört nun zu meinen treuesten. Von Gurlitt höre ich nichts, von Bauer wenig. Schönbach soll ein ahd. Man. entdeckt haben; ich lese so wenig Ztgen daß ich das Wichtigste übersehe. Kelle war in der Schweiz auf einer Handschriftenjagd, die Resultate scheinen nach s. Berichten mehr negativer Art zu sein; aber er ist zufrieden. Was sagen Sie zu Rödigers neuer Sammlung. Anti-QF?? Oder nicht?
Als Rechtshistoriker fürchten wir Schuster, als Engländer hoffe ich Pogatscher. Schmidt ist in Brandl vernarrt. Ich erfahre immer mehr wie er gegen mich hier agitirte.
Empfehlen Sie mich Ihrer Frau u. arbeiten Sie nicht zu viel. Man sagt mir das so oft, daß ich es fast schon befolge. Mit herzlichen Grüßen Ihr AS.

Ich muß noch ein Frageblättchen hinzufügen. Ehlermann hat mich gebeten für die 2. Aufl. des Goedekeschen Grundrisses den § über die StDränger zu übernehmen u. da er angab im Einverstädnisse mit ESchmidt die Vertheilung getroffen zu haben, sagte ich zu. Nun ist die Sache doch sehr kitzlich, da wieder wie bei Goethe keine Grundsätze existiren. Nach meiner Meinung müßte der frühere II Band ganz in der Weise des früheren III behandelt werden werden; d. h. ich glaube bei Lenz etwa müßte ebenso jedes Gedicht verzeichnet werden wie etwa bei Rückert; ein Dichter wie Schubart kommt in der 1. Aufl. unglaublich schlecht weg. Auf diese Weise schwillt aber ein § auf das 5 oder 10fache des Raumes an (was allerdings in den bisherigen Bden der 2. Aufl. auch geschehen ist.) Ich möchte Sie nun fragen, ob Sie auch mitarbeiten u. wie Sie es dabei h[al]ten. 2. Wie es mit dem Honorar steht. E. will kein Angebot machen; mir fehlt jeder Maßstab zu einer Forderung. Da offenbar viele unserer Bekannten mitarbeiten (Minor hat dunkle Andeutungen fallen laßen), so könnte man vielleicht ein einheitliches Vorgehen dabei erzielen. Ich will kein über[m]äßiges Honorar; aber ganz um der Ehre Willen kann man doch nicht immer arbeiten; schon bei der Goethe Ausgabe verschreibt man mehr Papier mit Varianten als die Vergütung beträgt.
Nochmals der Ihrige
AS.

II. Ergänzungsblatt.

Wenn sich das Erscheinen Ihres Goethebandes verzögern sollte, [kö]nnten Sie nicht vielleicht so gefällig sein und mir Correcturbogen schicken; vom Text einige Proben, die Varianten im Zusammenhang. Ich würde sie gewiß nicht misbrauchen. Dürften Sie auch Burdachs Bo[g]en als Correctur weitergeben, so wäre mir doppelt geholfen.
Nun aber genug. Zur Post!

23./8 88.

Vor zehn Jahren war ich in Bosnien um diese Zeit. Jeder Tag bringt eine andere Erinnerung mit sich herauf.

Von einer Geschichte des Werkes, oder auch nur des Textes ist mir gar nichts bekannt. Nach den Grundsätzen ist dergleichen sogar ausgeschlossen! Da schreibe ich j[a ü]ber den Götz einen ganzen Band! [...] Jetzt, wo ich nach einer Pause wieder zu den Sachen zurückkehre, stehe ich einem Chaos gegenüber. Man hätte unbedingt critische Grundsätze ausarbeiten müßen; eine Geschichte der Goethe-Ausgaben vorher schreiben lassen sollen.

Auch August Sauer arbeitete an der Weimarer Goetheausgabe mit und editerte Goethes Götz von Berlichingen.  Sowohl Seuffert als auch Sauer beanstandeten sehr früh die starren Editionsprinzipien der Ausgabe und ihre Umsetzung. Damit nahmen sie Elemente des späteren kritischen Diskurses über die zum ‚Monument‘ erstarrte Ausgabe vorweg.

Briefdaten

Schreibort: Prag
Empfangsort: Graz
Archiv: Österreichische Nationalbibliothek
Zustand: archivarisch einwandfreier Zustand, allerdings kleinräumige Textverluste durch nachträgliche Lochung
Signatur: Autogr. 422/1-126
Umfang: 11 Seite(n)

Status

Transkription mehrfach geprüft, Text teilweise getaggt

Zitiervorschlag

Brief ID-8436 [Druckausgabe Nr. 86]. In: Der Briefwechsel zwischen August Sauer und Bernhard Seuffert 1880 bis 1926. Digitale Edition. Hrsg. von Bernhard Fetz, Hans-Harald Müller, Marcel Illetschko, Mirko Nottscheid und Desiree Hebenstreit. Wien: Österreichische Nationalbibliothek, Version 2.0, 2.7.2020. URL: https://edition.onb.ac.at/sauer-seuffert/o:bss.8436/methods/sdef:TEI/get

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