Brief von Bernhard Seuffert an August Sauer in Prag am 15. September 1903. Dienstag

15.9.03.

Lieber freund, Ich bitte für die beifolgende anzeige um aufnahme. Wann u. ob sich weiteres, aufsätze u. besprechungen, wie ich sie Ihnen in aussicht stellte u. zusagte, leisten lässt, hängt von den besprechungen ab, die ich jetzt mit Erich Schmidt haben werde. Er ist seit gestern hier u. würde Sie gewiss grüssen lassen, wenn er wüsste, dass ich Ihnen schriebe. Ich danke Ihnen für Ihren glückwunsch zur Wielandausgabe. Ich habe darüber nicht geschrieben, weil Schmidt mit rücksicht auf den bevorstehenden besuch mich mehr im ungewissen liess, als er Sie gelassen zu haben scheint; ich wusste seine kurze nachricht nicht klar zu deuten. Ich freue mich, dass ein Wieland kommt; ich bange aber auch vor der leistung, die man von mir zu erwarten und zu fordern berechtigt ist. Wie und mit wem werd ich es tragen können? Ich hoffe von den besprechungen einige

<p>15.9.03.</p><p>Lieber freund, Ich bitte für die beifolgende anzeige um aufnahme. Wann u. ob sich weiteres, aufsätze u. besprechungen, wie ich sie Ihnen in aussicht stellte u. zusagte, leisten lässt, hängt von den besprechungen ab, die ich jetzt mit Erich Schmidt haben werde. Er ist seit gestern hier u. würde Sie gewiss grüssen lassen, wenn er wüsste, dass ich Ihnen schriebe. Ich danke Ihnen für Ihren glückwunsch zur Wielandausgabe. Ich habe darüber nicht geschrieben, weil Schmidt mit rücksicht auf den bevorstehenden besuch mich mehr im ungewissen liess, als er Sie gelassen zu haben scheint; ich wusste seine kurze nachricht nicht klar zu deuten. Ich freue mich, dass ein Wieland kommt; ich bange aber auch vor der leistung, die man von mir zu erwarten und zu fordern berechtigt ist. Wie und mit wem werd ich es tragen können? Ich hoffe von den besprechungen einige
klärung, die mir mut gibt.
 Ich danke Ihnen auch für das übersandte heft DLD, das ich noch nicht durchgesehen habe; verzeihen Sie, dass ich es nicht früher getan. Und ich danke Ihnen für die anzeige des Teplitzer Goethe. Die bibliographie aufzuschlagen fand ich nach meiner rückkehr noch keine zeit, ich vermutete nichts mich betreffendes darin und das produktive heft hatte ich ja durch Ihre güte in korrekturen gelesen. Ich weiss sehr wol, dass Sie mit Ihrem lob viel zu weit gehen; weder die kleine arbeit an sich verdient es, noch gar ihre stellung zu Ihrem buche. Ihr buch ist in sich vollendet und mein zusatz konnte es nicht bereichern. Sie würden Ihre arbeit sehr unterschätzen, wenn Sie dies sich nicht selbst sagen würden. Aber für die freundlichkeit Ihrer gesinnung dank ich
<pb/>klärung, die mir mut gibt.<lb/> Ich danke Ihnen auch für das übersandte heft DLD, das ich noch nicht durchgesehen habe; verzeihen Sie, dass ich es nicht früher getan. Und ich danke Ihnen für die anzeige des Teplitzer Goethe. Die bibliographie aufzuschlagen fand ich nach meiner rückkehr noch keine zeit, ich vermutete nichts mich betreffendes darin und das produktive heft hatte ich ja durch Ihre güte in korrekturen gelesen. Ich weiss sehr wol, dass Sie mit Ihrem lob viel zu weit gehen; weder die kleine arbeit an sich verdient es, noch gar ihre stellung zu Ihrem buche. Ihr buch ist in sich vollendet und mein zusatz konnte es nicht bereichern. Sie würden Ihre arbeit sehr unterschätzen, wenn Sie dies sich nicht selbst sagen würden. Aber für die freundlichkeit Ihrer gesinnung dank ich
Ihnen recht herzlich und bitte sie mir zu erhalten.  Erich Schmidt hat mich auf die anzeige aufmerksam gemacht.
 Die nachrichten Ihres briefes sind im ganzen erfreulich. Nur Ihre Grillparzerpläne sehe ich gefährdet, hoffe aber, dass Sie den augenblicklichen stillstand der aktion fälschlich als einen rückgang betrachten. Was soll denn gutes gebracht werden wenn nicht Ihr Grillparzer? so reich ist doch die österr. litteratur nicht, dass sie auf diesen reichtum verzichten kann.
 Kürschner bleibt auch tot der geschäftsmann. Da ist nichts zu hoffen.
 Ich muss schliessen. Herzlich Ihr
 ergebener
 BSeuffert.
<pb/>Ihnen recht herzlich und bitte sie mir zu erhalten.  Erich Schmidt hat mich auf die anzeige aufmerksam gemacht.<lb/> Die nachrichten Ihres briefes sind im ganzen erfreulich. Nur Ihre Grillparzerpläne sehe ich gefährdet, hoffe aber, dass Sie den augenblicklichen stillstand der aktion fälschlich als einen rückgang betrachten. Was soll denn gutes gebracht werden wenn nicht Ihr Grillparzer? so reich ist doch die österr. litteratur nicht, dass sie auf diesen reichtum verzichten kann.<lb/> Kürschner bleibt auch tot der geschäftsmann. Da ist nichts zu hoffen.<lb/> Ich muss schliessen. Herzlich Ihr<lb/> ergebener<lb/> BSeuffert.
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Seuffert hatte Respekt vor der Erarbeitung einer historisch-kritischen Wielandausgabe. Auf Auftrag der Preußischen Akademie der Wissenschaften bereitete er in seinen Prolegomena zu einer Wieland-Ausgabe (9 Tle. Berlin: Weidmann; de Gruyter, 1904–1941) die spätere Ausgabe von Wielands Gesammelten Schriften vor. Die Prolegomena enthalten umfangreiche Beschreibungen der Werke und Verzeichnisse der Briefe Wielands sowie Überlegungen zu ihrer Edition.

Ich freue mich, dass ein Wieland kommt; ich bange aber auch vor der leistung, die man von mir zu erwarten und zu fordern berechtigt ist. Wie und mit wem werd ich es tragen können?

Sauer und Seuffert befürcheten, dass die historisch-kritische Ausgabe der Werke von Franz Grillparzer aufgrund fehlender Finanzierung nicht zustande käme. Seuffert hatte zwar kein spezielles Interesse für österreichische Literatur, Sauers Forschungen zu Grillparzer regten jedoch seine Auseinandersetzung damit an.

Nur Ihre Grillparzerpläne sehe ich gefährdet, hoffe aber, dass Sie den augenblicklichen stillstand der aktion fälschlich als einen rückgang betrachten. Was soll denn gutes gebracht werden wenn nicht Ihr Grillparzer? so reich ist doch die österr. litteratur nicht, dass sie auf diesen reichtum verzichten kann.

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