Brief von August Sauer an Bernhard Seuffert in Graz am 22. Dezember 1888. Samstag

  Prag 22.12.88.

Lieber Freund!

Ihr letzter Brief war so eingehend und aufschlußreich, daß er früher beantwortet zu werden verdient hätte. Aber soll ich Ihnen, der Sie selbst damit kämpfen, die Schrecken eines Collegs beschreiben? Und jede freie Viertelstunde war mit dem leidigen Götztext ausgefüllt, den ich nun endlich einmal loswerden muß. Jetzt [in] den Feiertagen drängt sich wieder vieles persönliche zusammen; aber ich will Sie wenigstens begrüßen. Ich habe das Gefühl, Ihnen im verflossenen Jahre noch näher ge-

<p>  Prag 22.12.88.<lb/><lb/>Lieber Freund!<lb/><lb/>Ihr letzter Brief war so eingehend und aufschlußreich, daß er früher beantwortet zu werden verdient hätte. Aber soll ich Ihnen, der Sie selbst damit kämpfen, die Schrecken eines Collegs beschreiben? Und jede freie Viertelstunde war mit dem leidigen Götztext ausgefüllt, den ich nun endlich einmal loswerden muß. Jetzt <damage agent="punchHole"><supplied>[in]</supplied></damage> den Feiertagen drängt sich wieder vieles persönliche zusammen; aber ich will Sie wenigstens begrüßen. Ich habe das Gefühl, Ihnen im verflossenen Jahre noch näher ge-
rückt zu sein; daß wir uns der Unterschiede in unseren Anlagen und Neigungen dadurch um so mehr bewußt werden, das ist gut; um so schwerer wiegt unsere Übereinstimmung. Und am wenigsten soll uns der Grillparzer entzweien, wob[ei] bei mir allerdings der Gedanke im Hintergrunde schlummert, Sie würden einst wenn Sie länger in Österreich sein werden und die Beschäftigung mit ihm nicht so scheuen, auf seine und meine Seite herübergezogen werden. Den höchsten Anforderungen halten meine Aufsätze über Grillparzer u. Raimund in der That nicht Stand; beide sind ja aus einem Compromiß her[vo]rgegangen. Auch ich weiß, daß der Raimundartikel für die ADB. zu groß gerathen ist. Aber da ich nicht weiß, ob ich das Buch über R. jemals schreiben werde, da ich Glossy durch eine selbständige
<pb/>rückt zu sein; daß wir uns der Unterschiede in unseren Anlagen und Neigungen dadurch um so mehr bewußt werden, das ist gut; um so schwerer wiegt unsere Übereinstimmung. Und am wenigsten soll uns der Grillparzer entzweien, wob<damage agent="punchHole"><supplied>[ei]</supplied></damage> bei mir allerdings der Gedanke im Hintergrunde schlummert, Sie würden einst wenn Sie länger in Österreich sein werden und die Beschäftigung mit ihm nicht so scheuen, auf seine und meine Seite herübergezogen werden. Den höchsten Anforderungen halten meine Aufsätze über Grillparzer u. Raimund in der That nicht Stand; beide sind ja aus einem Compromiß her<damage agent="punchHole"><supplied>[vo]</supplied></damage>rgegangen. Auch ich weiß, daß der Raimundartikel für die ADB. zu groß gerathen ist. Aber da ich nicht weiß, ob ich das Buch über R. jemals schreiben werde, da ich Glossy durch eine selbständige
Publication nicht vor den Kopf stoßen will, so wollte ich doch andrerseits meine reichen Sammlungen nicht nutzlos liegen lassen, um so mehr als sie mir Schmidt ohnehin schon ohne Quellenangabe vorweg [au]sgebeutet hat. Also ein Zwischenglied u. nicht mehr will der Aufsatz sein.
 Die Entstehungsgeschichte Ihres Opusculums hat mich gerade unter diesen Umständen sehr interessirt. Aber, verzeihen Sie mirs, Sie dürfen nicht alles so schwer nehmen; sonst führt Sie Ihre Wielandforschung ins Unendliche. Freilich die Goetheaner haben es leicht, die dürfen alles mit Haut und Haar drucken lassen und d[as] will ich Ihnen nicht als Gesetz aufstellen. Wenn Sie aber bei der Masse Ihres Materials weiterhin bei jedem Wort so subtil erwägen, ob es druckenswert sei oder nicht, werden Sie niemals fertig. Auch denke ich über Quellen-
<pb/>Publication nicht vor den Kopf stoßen will, so wollte ich doch andrerseits meine reichen Sammlungen nicht nutzlos liegen lassen, um so mehr als sie mir Schmidt ohnehin schon ohne Quellenangabe vorweg <damage agent="punchHole"><supplied>[au]</supplied></damage>sgebeutet hat. Also ein Zwischenglied u. nicht mehr will der Aufsatz sein.<lb/> Die Entstehungsgeschichte Ihres Opusculums hat mich gerade unter diesen Umständen sehr interessirt. Aber, verzeihen Sie mirs, Sie dürfen nicht alles so schwer nehmen; sonst führt Sie Ihre Wielandforschung ins Unendliche. Freilich die Goetheaner haben es leicht, die dürfen alles mit Haut und Haar drucken lassen und d<damage agent="punchHole"><supplied>[as]</supplied></damage> will ich Ihnen nicht als Gesetz aufstellen. Wenn Sie aber bei der Masse Ihres Materials weiterhin bei jedem Wort so subtil erwägen, ob es druckenswert sei oder nicht, werden Sie niemals fertig. Auch denke ich über Quellen-
publicationen insofern etwas anders, als ich meine: man könne nicht wissen, nach welcher Richtung etwas das man wegläßt einem andern interessant sein kann, ob nicht einer einmal über Titulaturen und Briefunterschriften Forschungen anstellen wolle etc. Machen Sie einen Band Br[ief]e u. dann einen Band

Wieland
Sein Leben und seine Werke.

von
Bernhard Seuffert.

Weimar.
Böhlau
1890

Ich habe mich entschlossen, die Grillparzer-Biographie in einem Bande (50 Bogen) abzuschließen u. wenn die Götter günstig sind, soll sie am 15. Jan. 91 heraußen sein u. seitdem ich den lange hin und hergewälzten Beschluß gefasst habe,
<pb/>publicationen insofern etwas anders, als ich meine: man könne nicht wissen, nach welcher Richtung etwas das man wegläßt einem andern interessant sein kann, ob nicht einer einmal über Titulaturen und Briefunterschriften Forschungen anstellen wolle etc. Machen Sie einen Band Br<damage agent="punchHole"><supplied>[ief]</supplied></damage>e u. dann einen Band<lb/><lb/>Wieland<lb/>Sein Leben und seine Werke.<lb/><lb/>von<lb/>Bernhard Seuffert.<lb/><lb/>Weimar.<lb/>Böhlau<lb/>1890<lb/><lb/>Ich habe mich entschlossen, die Grillparzer-Biographie in einem Bande (50 Bogen) abzuschließen u. wenn die Götter günstig sind, soll sie am 15. Jan. 91 heraußen sein u. seitdem ich den lange hin und hergewälzten Beschluß gefasst habe,
ist mir wohler und fast möchte ich denjenigen danken, die mich dazu gebracht haben. (Selbstverständlich habe ich mich nicht verpflichtet, bis zu einem bestimmten Termin fertig zu sein!) Der Tod des Freiherrn von Cotta, den ich auch in andrer Hinsicht bedauere, hat mich zunächst leider etwas hingehalten; aber wenn der Plan nicht ganz in die Brüche geht, so wird er rasch in einem Zuge durchgeführt. Wir müssen einmal mit einem großen Werke hervortreten; schaun Sie Schönbach an, wies dem gelungen ist.
 Sie haben mir Schönbach in Ihrem letzten Brief ans Herz gelegt; ich habe
<pb/>ist mir wohler und fast möchte ich denjenigen danken, die mich dazu gebracht haben. (Selbstverständlich habe ich mich <hi rend="underlined">nicht</hi> <hi rend="underlined">verpflichtet</hi>, bis zu einem bestimmten Termin fertig zu sein!) Der Tod des Freiherrn von Cotta, den ich auch in andrer Hinsicht bedauere, hat mich zunächst leider etwas hingehalten; aber wenn der Plan nicht ganz in die Brüche geht, so wird er rasch in einem Zuge durchgeführt. Wir müssen einmal mit einem großen Werke hervortreten; schaun Sie Schönbach an, wies dem gelungen ist.<lb/> Sie haben mir Schönbach in Ihrem letzten Brief ans Herz gelegt; ich habe
Ihrem Wunsch aber nicht Folge leisten können. Man weiß nie, in welcher Stimmung ein Brief empfangen, geöffnet und gelesen wird, und gerade Sch. ist so sehr Stimmungsmensch, daß man du[rch] eine solche Verschiebung des Verkehrs bei ihm an Freundschaft eher verlieren als gewinnen könnte. Wir stehen sehr gut miteinander, wir schreiben uns in mehr oder weniger regelmäßigen Intervallen aufrichtig und herzlich, wir senden uns unsere Aufsätze zu: zu mehr will ich Sch. nicht bewegen. Gerade ihn nicht, weil ich ihn nach dieser Seite sehr gut zu kennen vermeine.
 Wann erscheint das Doppelheft? Ich bin sehr begierig darauf. Für Jahrgang 2 sollen Sie allerlei von mir
<pb/>Ihrem Wunsch aber nicht Folge leisten können. Man weiß nie, in welcher Stimmung ein Brief empfangen, geöffnet und gelesen wird, und gerade Sch. ist so sehr Stimmungsmensch, daß man du<damage agent="punchHole"><supplied>[rch]</supplied></damage> eine solche Verschiebung des Verkehrs bei ihm an Freundschaft eher verlieren als gewinnen könnte. Wir stehen sehr gut miteinander, wir schreiben uns in mehr oder weniger regelmäßigen Intervallen aufrichtig und herzlich, wir senden uns unsere Aufsätze zu: zu <hi rend="underlined">mehr</hi> will ich Sch. nicht bewegen. Gerade ihn nicht, weil ich ihn nach dieser Seite sehr gut zu kennen vermeine.<lb/> Wann erscheint das Doppelheft? Ich bin sehr begierig darauf. Für Jahrgang 2 sollen Sie allerlei von mir
kriegen, wenns die Zeit erlaubt. Läge mir nicht so vieles Halbfertige im Pulte.
 Bei Jacoby habe ich angefragt, [er] bat um Bedenkzeit; vielleicht daß er um Neujahr herum schreibt.
 Wissen Sie, wer Aussicht hat nach Marburg zu kommen; könnte sich da nichts für unseren Seemüller ergeben?
 Bringen Sie das Fest recht gut zu und grüßen Sie mir die Ihrigen vielmals.
  In treuer und aufrichtiger Gesinnung
  Ihr
  Sauer.
<pb/>kriegen, wenns die Zeit erlaubt. Läge mir nicht so vieles <hi rend="underlined">Halb</hi>fertige im Pulte.<lb/> Bei Jacoby habe ich angefragt, <damage agent="punchHole"><supplied>[er]</supplied></damage> bat um Bedenkzeit; vielleicht daß er um Neujahr herum schreibt.<lb/> Wissen Sie, wer Aussicht hat nach Marburg zu kommen; könnte sich da nichts für unseren Seemüller ergeben?<lb/> Bringen Sie das Fest recht gut zu und grüßen Sie mir die Ihrigen vielmals.<lb/>  In treuer und aufrichtiger Gesinnung<lb/>  Ihr<lb/>  Sauer.</p>
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Nach den Erläuterungen Seufferts über die Entstehung seines Aufsatzes Wielands Berufung nach Weimar ermahnte Sauer ihn, seine Forschung stärker einzugrenzen, um das Biographie-Projekt zu C.M. Wieland wirklich abschließen zu können.

Die Entstehungsgeschichte Ihres Opusculums hat mich gerade unter diesen Umständen sehr interessirt. Aber, verzeihen Sie mirs, Sie dürfen nicht alles so schwer nehmen; sonst führt Sie Ihre Wielandforschung ins Unendliche. Freilich die Goetheaner haben es leicht, die dürfen alles mit Haut und Haar drucken lassen und d[as] will ich Ihnen nicht als Gesetz aufstellen. Wenn Sie aber bei der Masse Ihres Materials weiterhin bei jedem Wort so subtil erwägen, ob es druckenswert sei oder nicht, werden Sie niemals fertig.

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        <title level="s">Briefwechsel Sauer-Seuffert, Digitale Edition</title>
        <title level="a" n="1">August Sauer an Bernhard Seuffert in Graz<lb/>Prag, 22. Dezember 1888 (Samstag)</title>
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Wir stehen sehr gut miteinander, wir schreiben uns in mehr oder weniger regelmäßigen Intervallen aufrichtig und herzlich, wir senden uns unsere Aufsätze zu: zu <hi rend="underlined">mehr</hi> will ich Sch. nicht bewegen. Gerade ihn nicht, weil ich ihn nach dieser Seite sehr gut zu kennen vermeine.<lb/> Wann erscheint das Doppelheft? Ich bin sehr begierig darauf. Für Jahrgang 2 sollen Sie allerlei von mir <pb/>kriegen, wenns die Zeit erlaubt. Läge mir nicht so vieles <hi rend="underlined">Halb</hi>fertige im Pulte.<lb/> Bei Jacoby habe ich angefragt, <damage agent="punchHole"><supplied>[er]</supplied></damage> bat um Bedenkzeit; vielleicht daß er um Neujahr herum schreibt.<lb/> Wissen Sie, wer Aussicht hat nach Marburg zu kommen; könnte sich da nichts für unseren Seemüller ergeben?<lb/> Bringen Sie das Fest recht gut zu und grüßen Sie mir die Ihrigen vielmals.<lb/>  In treuer und aufrichtiger Gesinnung<lb/>  Ihr<lb/>  Sauer.</p><pb/></body>
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